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Bindungsspiele

Heute wird’s bei uns sozusagen pädagogisch. Wir möchten euch dazu anregen, Bindungsspiele zu spielen und wollen mit euch, liebe Eltern und Erziehungspersonen, das Konzept dahinter teilen.

Wir wissen, dass die Zeit zum konzentrierten Lesen bei vielen im Moment rar ist. Du kannst daher natürlich auch gleich zur Spiel-Idee springen.
Uns liegt es aber am Herzen, auch davon zu erzählen, was dahintersteckt. Denn was auf den ersten Blick nach einem simplen Zeitvertreib aussieht, hat in Wirklichkeit ganz große Potenziale.

Mit Bindungsspielen…

  • hilfst du deinem Kind dabei, Stress und innere Anspannungen abzubauen (und zwar durch Lachen) und reduzierst so viele Verhaltensweisen, die den Erwachsenen oft als „unkooperativ“ oder „schlimm“ erscheinen.
  • stärkst du vor allem in belastenden Zeiten die Bindung zwischen dir und deinem Kind.
  • hilfst du deinem Kind dabei, bestimmte Themen besser zu verarbeiten (zB. die Corona-Pandemie).
  • können Kinder auch mal die Führung übernehmen in einer Welt, in der sie oft wenig Kontrolle darüber haben, was mit ihnen geschieht, was sie wann zu tun haben, etc.
  • stimulierst du Hirnareale bei deinem Kind, die mit der Kontrolle von aggressivem Verhalten befasst sind.

Darum laden wir dich ein, in einem späteren ruhigeren Moment zurückzukehren. Wir finden, es zahlt sich aus, näher in das Thema hineinzuschnuppern.

Für alle, die auf Kurzfassungen stehen: Unsere Spiel-Idee

Wir laden euch heute dazu ein, mit euren Kindern Machtumkehrspiele zu spielen.
Machtumkehrspiele sind oft sehr lebhaft und sorgen für Bewegung und fürs Auspowern, was wir alle gerade dringend brauchen. Das Lachen, das durch diese Spiele ausgelöst wird „hat eine therapeutische Wirkung, denn es trägt dazu bei, kindliche Ängste abzubauen, die in einem Gefühl der Hilf- oder Machtlosigkeit wurzeln. [… Kinder fühlen sich] von Zeit zu Zeit machtlos, weil sie den Erwachsenen körperlich und geistig unterlegen sind“ ** (Quelle siehe unten) oder wenn sie mit überfordernden Situationen konfrontiert sind, wozu im Moment auch die Corona-Pandemie zählt. Das kann aus unterschiedlichen Gründen Ängste und Stress auslösen, zB. weil sich die Kinder vor der Krankheit fürchten oder weil sie die Ungewissheit spüren, vor die uns diese neue Situation.

Machtumkehrspiele sind:

  • Spiele, „bei denen Eltern vorgeben, schwach, ängstlich, ungeschickt, begriffsstutzig oder wütend zu sein“ **
    Wichtig dabei ist, dass die Eltern ihre Rolle als Überwältigte oder Verlierer überzeugend und übertrieben theatralisch spielen. („Oh neiiin niie habe ich eine Chance gegen dich. Immer verliere ich.“) Wenn dein Kind lacht, bist du am richtigen Weg.
    Machtumkehrspiele können von deinem Kind, aber auch von dir eingeleitet werden
  • Gemeinsam tollen. Lass dich von deinem Kind überwältigen und dich zu Boden ringen. Du kannst dich dabei furchtbar ungeschickt anstellen oder vortäuschen, immer zu schwach oder zu langsam zu sein. Spare nicht an Melodramatik, wenn du über dein Verlieren lamentierst.
  • Eine Polsterschlacht, bei der du immer dramatisch zu Boden gehst, wenn dein Kind dich mit dem Polster trifft.
  • Das Kind muss sich aus einer Höhle befreien (also aus deiner verschlungenen Umarmung) und ist immer (!) erfolgreich. Jedes Mal, wenn das Kind draußen ist, bist du fürchterlich verzweifelt („niiiie gelingt es mir, dich einzusperren. Immmer bist du sooo wendig und entkommst mir“)
  • Oder umgekehrt: das Kind sperrt dich in eine Deckenhöhle oder einen imaginären Käfig ein, aus dem du einfach nicht entkommen kannst, so sehr du dich auch anstrengst oder um Freilassung flehst. („Ooooh du bist soo ein*e strenge*r Kerkermeister*in. Ich werde für immmmer in dieser Höhle leben müssen, weil ich nicht an dir vorbeikann“)
  • „Vorgetäuschte Schreckreaktionen erzielen ebenfalls eine große Wirkung. Bei meinen Eltern-Kind-Spielsitzungen verwende ich ein ganzes Sammelsurium [an Plastikfiguren (zB. Dinos oder Spinnen) oder] Handpuppen“ **, schreibt die schweizerisch-amerikanische Entwicklungspsychologin Aletha Solter. Mit übertriebenen Schrecklauten oder einer vorgetäuschten Ohnmacht kann man wunderbare Lachattacken provozieren.
  • Spielt Arzt oder Ärztin und lass dich von deinem Kind untersuchen. Du kannst dich dabei übertrieben ängstlich oder besonders wehleidig zeigen. Aletha Solter schreibt dazu auf Facebook: „Arzt / Ärztin spielen kann Kindern helfen, mit der angsteinflößenden Realität der Corona-Pandemie umzugehen.“ (Zu finden auf ihrer Seite „Aware Parenting Institute“, gepostet am 17. März 2020)

Prinzipiell sind eurer Fantasie natürlich keine Grenzen gesetzt. Sicher habt ihr ein paar Spiele dieser Art im petto, die ihr mit euren Kindern schon oft gespielt habt und von denen ihr wisst, dass sie euch allen Spaß machen. Wir wollen euch ermutigen: Spielt diese Spiele gerade in dieser Zeit öfter mit euren Kindern und seid darin bestärkt, dass sie einen tieferen Sinn haben. Sie fördern den Stressabbau eurer Kinder und verhelfen ihnen damit zu mehr innerer Ausgeglichenheit.

Macht euch wie bei jedem Spiel auch Regeln aus, die für euch Sinn ergeben, wie zB. „Wir dürfen wild sein, aber es darf niemand verletzt werden.“
Und noch zum Abschluss: „Einige Eltern befürchten, dass diese Spiele die aggressiven Neigungen ihrer Sprösslinge verstärken. Doch die meisten stellen erstaunt fest, dass die Gewaltbereitschaft nach solchen Aktivitäten merklich nachlässt, während die Kooperationsbereitschaft wächst. Das liegt daran, dass die Kinder Gelegenheit erhalten, starke oder schmerzliche Gefühle wie Frustration, Wut, Angst und Machtlosigkeit freisetzen.“ **

Für alle, die es genauer wissen wollen

Was sind Bindungsspiele genau?

Das sind Spiele, die die schweizerisch-amerikanische Entwicklungspsychologin Aletha Solter zusammengestellt und ihren Wert für eine sinnstiftende Eltern-Kind-Bindung herausgearbeitet hat (ganz unten gibt’s unseren Buchtipp dazu). Das ist Teil ihres pädagogischen Konzepts des aware parenting.

Es sind Spiele, die wir alle gut kennen und die unsere Eltern schon mit uns gespielt haben, wie zB. „Guck Guck“ oder Verstecken. Auch wenn dein größeres Kleinkind auf einmal Baby spielen will, kann das ein Bindungsspiel sein. Wir fanden es spannend zu lesen, was hinter bekannten und oft gespielten Spielen steht und wie sie unseren Kindern helfen können, ausgeglichener zu sein.

Merkmale von Bindungsspielen

  • Sie sind interaktiv – es geht also darum gemeinsam etwas zu TUN und aufeinander zu reagieren.
  • Sie sind auf das Kind ausgerichtet.
  • Wenn du bei deinem Kind Lachen auslöst, bist du auf dem richtigen Weg.
  • Sie erfordern kein besonderes Zubehör und können völlig unabhängig von Zeit und Ort durchgeführt werden.
  • Sie sind nicht wettbewerbsorientiert.
  • Sie sind nicht an vorgegebene Regeln gekoppelt – sie bieten viel Platz für die Bedürfnisse deines Kindes.
  • Ganz viele Bindungsspiele kennen wir und haben schon 1000 Mal gespielt, ohne dass wir sie vielleicht als richtiges „Spiel“ bezeichnet hätten.

Ihre (therapeutische) Wirkung ist durch verschiedene Forschungsprojekte aus den Bereichen Bindungstheorie, Therapie und Neurowissenschaften belegt. Die positive soziale Interaktion regt die Produktion von Oxytocin an. Das ist ein körpereigenes Wohlfühlhormon, das folgende Wirkungen hat:

  • es trägt dazu bei, Stress abzubauen. (Das bedeutet es hilft beim „Abtransport“ von Stresshormonen)
  • es hilft, Wachstums- und Heilungsprozesse zu fördern
  • es unterstützt die Gehirnentwicklung

Nachlesen könnt ihr das alles in Aletha Solters Buch „Spielen schafft Nähe – Nähe löst Konflikte. Spielideen für eine gute Bindung“, das wir euch von Herzen empfehlen und das auch als **Quelle für die vorliegenden Ausführungen gedient hat.
(Vielleicht könnt ihr euch an ein lokales Buchgeschäft wenden, der es auch bestellt und das ihr damit in der Krise unterstützen könnt.)

Hinweis:

Wir sind keine ausgebildeten aware parenting Coaches. Wir wollten dieses spannende Konzept gerne mit euch teilen. Was ihr daraus macht, liegt jedoch bei euch selbst. Wer sich weitergehende Unterstützung zum Thema wünscht, den verweisen wir an das Aware Parenting Institut (unter http://www.awareparenting.com oder auf Facebook).

Bei diesem Artikel handelt es sich nicht um Maßnahmen, die ärztlichen oder psychologischen Rat ersetzen, wenn dein Kind ein echtes Trauma erlebt hat oder (psychisch) krank ist.

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