Familienrat

Familienrat

„Sind so schöne Münder
Sprechen alles aus.
Darf man nie verbieten
Kommt sonst nichts mehr raus.
Gerade, klare Menschen
Wär'n ein schönes Ziel
Leute ohne Rückgrat
hab'n wir schon zuviel.”
Kinder  - Bettina Wegner, 1978

Kindern zu mutigen und kritischen Menschen zu erziehen, sollte ein Ziel der Menschheit sein. Mit Kindern sollen wir achtsam und respektvoll umgehen, dann werden sie zu geraden, klaren Menschen und nicht zu Leuten ohne Rückgrat, wie Bettina Wegner bereits in den 70er singt. Die Erziehung beginnt dabei in der frühen Kindheit und der Familienrat ist eine erprobte Methode, mit Kindern respektvoll umzugehen. Selbstverständlich nicht nur mit Kindern, sondern mit allen Mitgliedern einer Gruppe. Das Konzept des Familienrates basiert auf der Grundüberzeugung der Individualpsychologie: Alle Menschen sind gleichwertig.

Die Grundstruktur des Familienrates ist von der Homepage des Vereins für praktizierte Individualpsychologie e.V. übernommen und mehr Informationen zu dem Thema sind unter www.familienrat.eu zu finden.

Theorie des Familienrates

„Alle Familienmitglieder sind gleichwertige Partner in der Familie,
mit Aufgaben und Verantwortung, entsprechend ihrer individuellen Fähigkeiten.“
Rudolf Dreikurs

Entwickelt wurde das Konzept des Familienrates von dem Psychologen und Vertreter der Individualpsychologie Rudolf Dreikurs (1897 - 1972). Er beschäftigte sich vor allem mit humaner und demokratischer Erziehung und einige der grundlegenden Ansichten für das Konzept des Familienrates gehen auf ihn zurück:

  • Der Mensch ist ein soziales Wesen. Sein Selbstwertgefühl und sein Wohlbefinden hängen davon ab, dass er sich einer Gemeinschaft zugehörig fühlen kann.
  • Kinder wollen mitarbeiten, wenn man ihnen eine Chance dazu gibt, weil sie sich zugehörig fühlen wollen.
  • Alle Menschen sind gleichwertig, unabhängig von ihrer Unterschiedlichkeit. Ob groß oder klein, ob alt oder jung, ob männlich oder weiblich. Jeder Mensch hat den gleichen Wert
  • Jedes menschliche Verhalten ist zielgerichtet.
  • Jeder Mensch kann nur sein eigenes Handeln lenken, beeinflusst damit aber das Verhalten anderer.

Diese grundlegenden Haltungenbilden die Basis für den Familienrat und machen das Leben miteinander um Vieles schöner. Im Zuge der Mitbestimmung von Kindern geht Rudolf Dreikurs als Individualpsychologe davon aus, dass es der wichtigste Wunsch eines Kindes ist, in der Gemeinschaft anerkannt zu werden und einen Platz in der Gemeinschaft zu bekommen. Was ein Kind tut, um diesen Wunsch zu erfüllen, kann konstruktiv oder destruktiv sein. Der Familienrat bietet mithilfe verschiedenster Methoden einen Raum, damit Kinder ihren Wunsch auf konstruktive Weise erreichen können.

Praxis des Familienrates

Familie ist mehr als ein „Steh jetzt endlich auf, sonst kommst du zu spät in die Schule!“ und ein entgegengebrülltes "NEIN!". Eltern glauben aufgrund ihrer eigenen Erfahrung zu wissen, was gut für ihre Kinder ist. Sie wünschen ihnen nur das Beste und versuchen, ihren Kindern Kummer und Leid zu ersparen. Kinder haben natürlich viel weniger Lebenserfahrung und sind in vielen Bereichen einerseits auf ihre Eltern angewiesen, andererseits sind sie auch kompetente, eigenständige kleine Wesen, die neugierig auf die Welt sind und am liebsten alles selbst entdecken wollen. Ein „NEIN“ ist aus der Sicht des Kindes dann nur logisch. Kinder lernen die Spielregeln von den Eltern und wenn die Eltern Macht haben, werden die Kinder auch versuchen Macht zu bekommen. Ein Machtkampf entsteht.

Der Familienrat ist ein Konzept, in dem es vor allem darum geht, alle Mitglieder der Familie als gleichwertig anzusehen und mit allen respektvoll umzugehen. Folgende Merkmale des Familienrates sind dabei zu beachten.

Merkmale eines Familienrates

  • Gleichwertigkeit aller Mitglieder
    Gleichwertigkeit ist unabhängig von Alter und Stellung in der Familie.
  • Gegenseitige Achtung
    Jeder Beitrag ist es wert, gehört zu werden.
  • Blick auf das Positive
    Das, was in der Familie gelingt, ist wichtiger als das, was schiefgeht.
  • Regelmäßigkeit
    Fest vereinbarter Termin, zu dem jede*r Zeit hat, ohne auf etwas zu verzichten.
  • Gemeinsam vereinbarte Regeln
    Jede Familie legt die Regeln gemeinsam fest und diese gelten für alle in gleicher Weise.
  • Gemeinsame Beratung
    Jede*r kann einen Vorschlag machen und seine/ihre Meinung zu den Vorschlägen der anderen äußern.
  • Gemeinsame Entscheidung
    Jede*r soll an dem Zustandekommen einer Entscheidung mitwirken. Die Entscheidung sollte nach Möglichkeit einstimmig sein.
  • Wechselnde Verantwortung
    Bei jedem Familienrat-Treffen gibt es eine*n Vorsitzende*n und eine*n Protokollführer*in. Diese Aufgaben sollen regelmäßig wechseln.

Der Familienrat sollte immer als Experiment angesehen werden, wobei es schwierig ist, Regeln oder Leitlinien für den Familienrat aufzustellen. Schlussendlich muss jede Familie für sich selbst einen geeigneten Weg finden und auch selbst definieren, ob und welche Art von Regeln notwenig sind. Die Einführung eines Familienrates ist immer eine Herausforderung, doch eine sehr Lohnende.

Regeln und Leitlinien für den Familienrat

  • Erweiterte Familien: Alle zur Gemeinschaft gehörende Familienmitglieder sind Teil des Familienrates. Niemand wird zur Teilnahme gezwungen, aber die Beschlüsse gelten für alle.
  • Regelmäßige Treffen: Rudolf Dreikurs empfiehlt, sich einmal die Woche zu treffen. Die Abstände können auch größer sein, nur die Regelmäßigkeit ist wesentlich.
  • Tagesordnung: Der Familienrat mit einer Tagesordnung, um einer klare Struktur zu folgen.
  • Leitung eines Familienrates: Jeweils ein Mitglied soll im Wechsel die Leitung der Treffen übernehmen. Dies können Kinder bereits im Schulalter machen. Die Leitung ist verantwortlich dafür, dass die Regeln eingehalten werden.
  • Protokollführer: Jeweils ein Mitglied soll im Wechsel das Protokoll führen. Hier werden die Ergebnisse jeder Beratung festgehalten. Das Protokollbuch kann ein dickes Heft sein, das die Familie über mehrere Jahre begleitet. So entsteht ganz nebenbei eine Familienbiographie.
  • Ermutigung: Jedes Treffen beginnt mit einer Ermutigungs- oder Komplimentenrunde.
  • Nicht unterbrechen: Jedes Mitglied darf ausreden. Diese Regel ist sehr wichtig und der*die Leiter*in achtet besonders darauf, dass diese Regel eingehalten wird.
  • Freie Kommunikation: Jedes Mitglied darf so sprechen, wie es möchte. Provozierend, emotionsgeladen, gelangweilt, jedoch nicht beleidigend. Dies wird nicht zum Thema gemacht, auch nicht nach der Familienrat-Sitzung. Das Dabeisein zählt.
  • Offenes Forum: Man darf über alle Themen sprechen, die alle in der Familie betreffen. Es gibt keine Zensur.
  • Gemeinsame Beschlüsse: Eine Entscheidung kann nur für alle gelten, wenn alle zugestimmt haben. Gelingt dies nicht, soll sich jeder bis zum nächsten Treffen so verhalten, wie er es für richtig hält. Mehrheitsbeschlüsse sind für den Familienrat nicht geeignet, weil sie die Minderheit ins Unrecht setzen.

Was kann eine Familie mit dem Familienrat erreichen?

  • Der Familienrat verbessert die Beziehung in der Familie, indem das kooperative Klima das Gefühl der Wertschätzung von den Mitgliedern fördert.
  • Der Familienrat erleichtert die Arbeit, die in der Familie erledigt werden muss, weil Verantwortungen geteilt werden. Durch das Gefühl der Gleichwertigkeit fühlt sich jedes Mitglied der Familie für die anfallenden Arbeiten zuständig.
  • Kinder lernen, sich auszudrücken und Konflikte mit Worten zu lösen. Der Familienrat stärkt das Selbstvertrauen der Kinder und bereitet sie auf die Zukunft vor.

Download:

Druckansicht
 


Österreichische Kinderfreunde Landesorganisation Niederösterreich
Niederösterreichring 1a · 3100 St. Pölten
02742 2255-500 ·

© 2015 Kinderfreunde. All rights reserved.