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Familienleben in Quarantäne

Corona stellt uns in jeder Hinsicht vor große Herausforderungen. Ob im Gesundheitswesen, im Lebensmittel-Handel oder bei anderen Dienstleistungen, die dafür sorgen, dass unser System aufrecht erhalten bleibt. Aber auch ELTERN sind jetzt zusätzlich gefordert. Die einen, weil sie nach wie vor zur Arbeit gehen und auf Kinderbetreuung angewiesen sind und sich wegen der Ansteckung sorgen, die anderen, weil sie nun von Zuhause aus arbeiten müssen. 

„Homeoffice“ hat jetzt Hochkonjunktur, ist aber mit der Betreuung von - vor allem kleineren Kindern- eine große Herausforderung. Manche Eltern sehen sich zusätzlich mit dem Verlust ihres Jobs und Existenzängsten konfrontiert. Das macht den Alltag nicht leichter. Wir haben daher nachgefragt, wie Eltern diese schwierige Phase erleben und es ihnen gelingt diese Zeit, trotz aller Sorgen, positiv zu meistern.

FRENK


Der Musiker Frenk Lebel bewohnt mit seiner Frau und ihrem gemeinsamen fünfjährigen Sohn Amando eine Wohnung mit Balkon in Wien. Es gibt zwar viel Platz, aber dafür ist die Jobsituation für die Eltern nun eher kritisch. Vor allem als Künstler. Das ist eher No-Office, statt Home Office.

Frenk sieht es dennoch gelassen. Das Leben hat sich ihm schon öfter in verschiedenen Facetten offenbart und so meistert er diese schwierige Situation auf seine Art. Struktur für sich und seine Familie ist im Moment das Wichtigste. Das Paar teilt sich die Kinderbetreuung auf. Wie immer gerade die Notwendigkeiten und Bedürfnisse sind, gestalten sie das von Tag zu Tag anders. Die Umstellung ist schon groß, deshalb haben sie sich von vorne herein gleich mal eine Woche genommen, wo sich das Ganze einpendeln darf. Das nimmt Druck heraus. 

Im Zentrum steht das Wohlbefinden ALLER in der Familie. Natürlich mit Fokus auf den Jüngsten. Entscheidend ist, dass es Phasen gibt, wo die oder derjenige, die/der jetzt betreut ganz präsent sein kann mit dem Kind. Denn, ist das Kind emotional gut genährt, zum Beispiel durch eine Stunde ungeteilte Aufmerksamkeit, ist es danach in der Lage, sich auch wieder für einige Zeit alleine zu beschäftigen. Frenk meint: „Und damit dies gelingen kann, müssen auch wir Erwachsenen immer wieder in unsere Mitte finden können.“

Jeder Tag ist für sich ein Projekt. Mal ist es ein Zirkustag, dann verbringt man den Tag wieder auf einem „Schiff“ und navigiert auf „hoher See“. Der junge Kapitän Amando ist auch durch ein Funkgerät, mit seinem Freund im dritten Stock des Zinshauses verbunden. 

Struktur ist das wichtigste. Der ganze Tag, die Woche wird grob durchgeplant. Man spricht sich gut ab. Änderungen ergeben sich dann ohnehin ständig und werden spontan vorgenommen.

Auf die Frage, was besonders schwierig ist, antwortet Frenk: „Die eigene Psyche, den eigenen Geist zu managen, ist eine sehr große Herausforderung. Wenn Gedanken wie wild gewordene Pferde los galoppieren, muss ich diese behutsam wieder einfangen und beruhigen. Vielleicht auf eine größere Weide geleiten. Nicht in Angst oder Panik zu verfallen, aufgrund der vielen Unsicherheiten. Zu vertrauen. Die eigenen Ansprüche herunterschrauben. An sich selbst und die Anderen. Ganz oben stehen für ihn und seine Frau Empathie und Mitgefühl. Da fährt die Eisenbahn drüber. In Zeiten wie diesen ist es ganz wichtig, ja nicht zu viel in die Waagschale zu legen. Die Gefühle der anderen und die eigenen zu achten, aber nicht zu ernst zu nehmen. Sich auszutauschen, zu reden, sich gegenseitig zu erklären… zu wissen, die ganze Wahrheit hat man nur gemeinsam. Das entspannt ungemein.“

Sorgen bereitet Frenk natürlich auch seine wirtschaftliche Situation als Musiker. Hier steht natürlich gerade alles still. Genauso wie die Osteopathie-Praxis seiner Frau. Kurzfristig ist es finanziell zu schaffen, aber danach wird es eng werden.

Seit Anfang März ist Frenk, nach langer Aufbauarbeit, mit seinem Kinder-Familienmusik Projekt „Brennholz.Rocks“ endlich bei einer Künstleragentur unter Vertrag. Er hofft, dass diese Agentur überleben wird. 

Aber die Familie kann der Situation auch viel Gutes abgewinnen. Innerhalb und Außerhalb der Familie ist mehr Achtsamkeit zu spüren. Die Nutzung der neuen Technologien um in Verbindung zu bleiben, ist ein Vorteil.  Ganz viel Neues, Unbekanntes klopft an die Tür und macht neugierig.

Dazu meint Frenk: „Hier kann vor allem auch die Generation unserer Kinder profitieren und wir wiederum von ihnen. Gegenseitig sehen wir uns zu, beobachten uns und lernen, dass man auch in schwierigen, herausfordernden Situationen entspannt klar kommen kann. Wenn das Äußere Wachstum, die Geschäftigkeit und der Trubel zum Erliegen kommen, meldet sich das Innere. Dann beginnt dieses zu gedeihen, blühen und Früchte zu tragen. Es besteht Möglichkeit und Hoffnung, dass jetzt mehr Menschen diese Erfahrung machen.“

Bernadette (Name von der Red. geändert): 

Bernadette ist Angestellte und seit einem Jahr alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Antonia ist zwölf, Fred ist sieben Jahre alt. Sie leben in einer Wohnung in Linz. Bernadette hat einen Job, den sie auch via Homeoffice ausüben kann. Keine leichte Übung, denn der Vormittag ist im Moment geprägt vom Lernen und da brauchen die Kinder Anleitung.

Es ist ihr wichtig, dass die Kinder nicht ins Hintertreffen geraten. Keine Chance für Homeoffice in dieser Zeit. Das geht erst danach, wenn die Kinder dann doch einmal fernsehen dürfen. So wie alle anderen auch, kann Bernadette derzeit nicht auf Großeltern für die Kinderbetreuung zurückgreifen. Der Vater der Kinder arbeitet noch und deshalb ist Bernadette auch, die meiste Zeit, ganz allein für die Kinder verantwortlich. Er springt aber ein, wenn Bernadette ihrer Tätigkeit in einem Asylheim nachgeht. 

Die restliche Zeit des Tages wird spielerisch überbrückt. Was eine Herausforderung ist. Ein ganzer Tag in der Wohnung. Bei Schönwetter geht die Familie unter den erlaubten Bedingungen hinaus, aber der Tagesablauf hat sich doch deutlich verändert. 

Sorgen sind vor allem wegen der Eltern da. Die Mutter von Bernadette ist Risikopatientin. Um ihre Kinder und um sich selbst, sorgt sie sich weniger. Man kennt den Verlauf der Krankheit schon etwas. Bei Kindern und jüngeren Menschen verläuft sie meist mild oder kaum merkbar. Zum Glück sieht es auch in ihrer Arbeit gut aus. Das hilft. 

Die Kinder sind nun aufeinander angewiesen, aber, merkt Bernadette an, genau das ist auch irgendwie eine gute Sache. Was definitiv gerade passiert, ist dass der Zusammenhalt zwischen den Geschwistern größer wird. Das sieht Bernadette als Vorteil. Auch „Homeoffice“ ist etwas, was sich Bernadette auch für die Zeit danach gut vorstellen kann. Überhaupt wenn die Kinder dann wieder in der Schule sind. 

Zum Schluss merkt Bernadette an: „Nach fast einer Woche kann ich aber nur sagen: Es ist ein Kraftakt und viele von uns unterschätzen die Betreuungsangebote und die Schulen. Ich finde die Wertschätzung für Lehrer*innen und Pädagog*innen wird hoffentlich sehr steigen, da man nun sieht, was diese Menschen jeden Tag leisten.“

SARAH (Name von der Red. geändert):

Die alleinerziehende Mutter Sarah, lebt mit ihrer vierjährigen Tochter in einer kleinen Wohnung mit Balkon und Loggia in einer größeren Stadt. Alleinerziehend bedeutet bei Sarah: Es ist kein Vater vorhanden, , der sie bei der Kindesbetreuung unterstützt. Die Großeltern gehören zur Risikogruppe. Sie ist nun wirklich ganz auf sich allein gestellt. 

Die Erzieherin Sarah wollte sich eigentlich vor dem Ausbruch von Covid19 eine Leihoma suchen. Der Kindesvater nimmt seine Verantwortung kaum wahr und Ihre Eltern leben eine halbe Stunde entfernt, am Land. Es war davor schon schwierig genug überhaupt noch am sozialen Leben teil zu nehmen, jetzt umso mehr. 

Derzeit ist Sarah bis auf Widerruf vom Dienst in der Kinderbetreuungseinrichtung freigestellt. Aber genau das bereitet ihr Sorgen. Ihre Tochter hat ein schwaches Immunsystem und wenn sie wieder zum Dienst beordert wird, muss sie auch ihre Tochter in Betreuung geben. 

Die Tochter von Sarah ist eine Frühaufsteherin. Nach dem Frühstück steht spielen, malen, basteln und vorlesen auf dem Programm. Rollenspiele sowie singen und tanzen bereiten ihr auch große Freude. Bei einem vierjährigen Kind ist man ständig gefordert. Zum Glück hat Sarah eine Indoor-Schaukel, ein Mini-Trampolin und noch einige abwechslungsreiche Bewegungsmöglichkeiten in der Wohnung. „All diese Geschenke“, meint Sarah, „machen nun noch mehr Sinn!“ Wenn sie dann doch etwas Zeit zum Verschnaufen braucht, darf ihre Tochter eine DVD schauen. Sonst gibt es für Sarah, bis auf während der Nacht, wenn ihr Kind schläft, keine Möglichkeit sich freizuschaufeln.

Die größte Herausforderung für Sarah ist es derzeit stark zu bleiben, ein Stück "Normalität" aufrechtzuerhalten. Alles ist auf den Kopf gestellt, aber für ihre Tochter lässt sie sich so wenig wie möglich anmerken. „Stark sein dem Kind zuliebe, aber das lernt man als Alleinerzieherin ohnehin schnell. Positive Stimmung zu verbreiten ist manchmal schon eine große Challenge“, sagt Sarah. 

In diesen Tagen, meint die alleinerziehende Mutter, wäre es wohl doch besser, am Land zu leben. Dann könnte ihre Tochter im Garten spielen, Spaziergänge in den Wald wären auch möglich. In der Stadt will sie jedes Rausgehen vermeiden. „Stay at Home“ ist auch für sie die Devise. Und daran hält sich die Familie auch. Sarah kann nicht verstehen, dass es immer noch Menschen gibt, die an den Maßnahmen Zweifel hegen.

Sorgen macht sich Sarah um ihre Eltern. Sie gehören zu der Risikogruppe und sind außer ihr die einzigen, direkten Bezugspersonen für ihre Tochter.

Positiv erlebt Sarah gerade dennoch, dass sie schon lange nicht mehr so viel Zeit für ihr Kind hatte und das findet sie auch schön.

CHRISTIAN

Der Immobilienmakler Christian lebt mit seiner Frau in einem Reihenhaus mit Garten in Linz. Die beiden Söhne sind sechs und vier Jahre alt. Christian hat auch Homeoffice installiert, während seine Frau als Internistin in einem Krankenhaus arbeitet und jetzt besonders gefordert ist. 

Christian hat sich erst einmal bis Ostern Urlaub genommen. Die Zeit, in der seine Frau im Krankenhaus arbeitet, verbringt er mit den Kindern und sucht sich immer wieder spannende Bastelprojekte. Gerade hat er mit seinen Söhnen eine große Spielzeug-Auto-Rennbahn gebaut, die ständig erweitert wird. Es wird mit Aquaperls Schmuck designt, gemalt, Playmobil und Lego gespielt. Auch Spiele wie zicke-zacke-Hühnerkacke, Memory, Funkelschatz, Looping Luis und Puzzles stehen hoch im Kurs. Die Tage sind strukturiert. Am Vormittag spielen die Jungs, die sich zum Glück gut vertragen, sehr selbstständig miteinander. Am Nachmittag brauchen sie dann mehr Anleitung. Christian meine: „Laufen und Spazierengehen, ist wichtig um die Abendstunden „unverletzt“ zu überstehen. Von auspowern kann zwar nicht die Rede sein, aber durch den Garten und den Spaziergang können die Kinder ein bisserl was von Ihrer Energie loswerden.“

Manchmal dürfen die Jungs auch etwas mit der Playsation spielen oder fernsehen. Gerade wenn es den Eltern etwas zu viel wird.

Über die Schwierigkeiten in dieser Situation sagt Christian: „Das Eingesperrtsein merkt man noch nicht so arg. Wir haben die ganze Situation von Anfang an unter 4 Wochen „Urlaub“ gestellt. Und so sehen wir das auch noch. Trotzdem… da lernt man wieder die Arbeit zu schätzen…

Was ihm Sorgen bereitet ist sein Job. Wie es weitergeht steht in den Sternen, was schon belastend ist. Er hofft, dass ab Ostern ein richtungsweisender Trend auszumachen ist. Da seine Frau aber Ärztin ist, muss sich die Familie zumindest um ihren Job derzeit sicher keine Gedanken machen.  Die größte Sorge ist aber für Christian, dass sie Vollzeit eingezogen und sie selbst krank wird. Er gibt zu: „Das raubt mir schon ein bisserl den Schlaf- schon allein deshalb sind wir wirklich brav, gehen seit Freitag nicht mehr raus und nehmen die Maßnahmen zur Abflachung der Kurve SEHR ernst. Mein Schwager und meine Schwester haben eine Praxis, auch da macht man sich Sorgen und natürlich die eigentlich größte Sorge: die Gesundheit meiner Eltern und Schwiegereltern.“ 

Als besonderen Einschnitt empfindet Christian natürlich das „Social Distancing“. Er trifft sich gerne und regelmäßig mit Freunden und geht auf den Fußballplatz. Sein Herz schlägt für Blauweiss Linz. Er hostet, gemeinsam mit ein paar anderen Fans, die Radio FRO Sendung „Blaucrowd-FM“, was ihm jetzt alles sehr fehlt. Zusätzlich fürchtet er, dass es in den nächsten Wochen sicher zu einer Art „Lagerkoller“ kommen wird. Eine gewisse Art von Abhilfe verschaffen Skype und Co.

Das Thema Erziehung beschäftigt den Vater in dieser Zeit sehr. Er fühlt sich etwas hin und hergerissen, zwischen der Angst zu wenig zu spielen oder öfter zu genervt zu sein und falsch zu reagieren. Um Struktur mit seinen Kids zu bewahren, macht sich Christian seit kurzem 12-Stunden-Pläne. Das fördert auch die Konsequenz.

Grundsätzlich ist es natürlich leichter, wenn die Partnerin da ist. Da kann er sich auch kurz zurückziehen oder laufen gehen, wenn einmal alles zu dicht wird. Ist seine Frau im Krankenhaus, lässt sich auch Christian ab und an vom Fernseher aushelfen. 

Aber es gibt für den Vater auch durchaus positive Aspekte: „Bei jede Sache gibt es drei Seiten: eine Gute, eine Schlechte und eine Komische. Die Schlechte, ist die Gesamtsituation. Die Solidarität unter den Menschen ist die Gute, das mit dem Klopapier, ist die komische Seite. Nachbarn kennenlernen und ihnen helfen, das Zusammenarbeiten und vor allem die konstruktive Zeit, die man mit seinen Kindern und seiner Liebsten verbringen kann- alles das sehe ich positiv!“  

Es ist ein breites Spektrum an Sorgen, Wünschen aber auch Lichtblicken, welche dieser Tage zum Vorschein kommen. Es wird noch einige Wochen dauern bis wir uns wieder frei bewegen dürfen. Bis auch in den Alltag unserer Kinder wieder Normalität einkehren wird. Diese Zeit bedeutet für die ganze Gesellschaft eine Zäsur. Allerdings waren sich alle befragten Eltern einig, dass diese Maßnahmen -bei allen damit verbundenen Entbehrungen- zur Eindämmung der Krankheit notwendig sind. Wichtig ist für Eltern, dass sie sich stets bewusst sind, dass sie jeden Tag die beste Mutter/der beste Vater für ihr/e Kind/er, die/der sie sein können. Wir sind alle keine „Wunderwuzzis“ und können auch nicht ständig in Corona-Isolation den 24-Stunden-Gute-Laune Bär aus der Elternheft-Romantik spielen. Eltern müssen nicht perfekt sein, dass nimmt auch den Kindern den Druck, perfekt sein zu müssen. Mama und Papa dürfen auch einmal „Stop“ sagen und sich eine kurze Auszeit erbitten. Wichtig ist, es dem Kind zu erklären. Gerade kleine Kinder sind sehr empathische Wesen und lernen dadurch auch Rücksicht und Mitgefühl. Eltern dürfen sich jetzt nicht zu sehr unter Druck setzen. Es ist eine neue Erfahrung für uns alle. Wir werden es meistern, wenn wir unsere Kinder liebevoll, mit Respekt, Humor und Authentizität behandeln. 

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